Restaurant Chez
Antoine
Aufmerksam wurden wir auf dieses kleine Lokal durch einen Bericht in einer
Illustrierten und beschlossen deshalb, dem Lokal Chez Antoine mal einen kleinen
Besuch abzustatten. Es liegt nicht gerade zentral, aber dafür in einer Gegend,
die durchaus einen Besuch verdient: im Herzen des 16.
Arrondissements, bekannt als das vornehme Viertel in Paris. Diese
Ecke allerdings möchte ich eher als gutbürgerlich bezeichnen, was auch das
Restaurant selber ganz gut widerspiegelt. Nicht ganz so leicht zu finden ist es,
aber mit dem Stadtplan in der Hand sollte es kein Problem sein. Man fahre mit
der Metro 10 Richtung Boulogne bis Eglise d’Auteuil,
gehe dann rechts an der alten Kirche von Auteuil vorbei die Rue Wilhem hinunter
bis zur Avenue de Versailles. Und gleich gegenüber liegt es dann, das Restaurant
Chez Antoine.
Das Innere des Lokales ist einfach niedlich und für Pariser Verhältnisse
wirklich aussergewöhnlich. Selbst wenn man anderswo auch schon Tische mit rot
kariertem Tischtuch sah, so sehen
diese Tische hier einfach authentischer aus.
Es ist erheblich mehr Luft zwischen den Tischen wie in anderen Lokalen und vor
allem: die Dekoration ist schon einzigartig. Der Wirt hat seine grosse Sammlung
von Polizeimützen aus aller Welt an die Wand
gehängt, darunter ein wirklich einzigartiger Querschnitt der Képis der Pariser
Flics aus einigen Jahrzehnten. Aufgelockert wird die Ausstellung (und anders
kann man sie eigentlich schon nicht mehr nennen) durch Bilder und Fotos aus der
Zeit in der Marine, in der der Patron Antoine vor seiner Karriere als Wirt
diente, bevor er im Savoy in London, in Monte Carlo und schließlich in Hamburg
arbeitete. Das Lokal selber ist klein und gemütlich, eben
ein echtes kleines Bistro im touristenfreien
Teil der Stadt Paris und strahlt auch ein wenig den Charme einer alten deutschen
Eckkneipe aus – es fehlt nur der zentrale Tresen mit den Barhockern davor. Der
Tresen ist zugunsten der Tische recht klein und in die hinterste Ecke gedrückt.
Das eigentliche Prunkstück der Einrichtung
befindet sich aber mitten im Lokal: ein Aufzug, mit dem das bestellte Essen aus
der Küche im
Untergeschoss nach oben transportiert wird. Nichts Besonderes?
Haben andere Lokale auch? Ha! So einen mit Sicherheit nicht! Die Vorlage stammt
aus der christlichen Seefahrt, als man noch mit Seglern die Welt umkreiste und
ist penibel genau selbst gebaut. Es handelt sich um einen
hölzernen Aufzug, der über
Flaschenzüge, für alle Gäste sichtbar,
betrieben wird. Ist das Essen fertig, das vorher über ein
Sprachrohr (stilecht!) vom Wirt oder seiner
Frau bzw. seinen beiden Töchtern bestellt wurde, dann wird die Leine abgezurrt,
angezogen, bei Ankunft des Essens wieder verzurrt und das Essen wird heiss und
frisch serviert. Es macht so viel Spaß, dem Wirt bei dieser klassischen
seemännischen Tätigkeit zuzuschauen, dass man mit einem Auge immer auf den
Aufzug schielt, um nichts zu verpassen.
Schon gemerkt? Ich sprach schon vom Flair einer charmanten alten deutschen
Eckkneipe. Und das nicht ohne Grund.
Denn Wirt Antoine ist zwar waschechter
Franzose, Seemann und Koch von altem Schrot und Korn. Seine Frau Cornelia kommt
jedoch aus der Stadt, die gemeinhin als das Tor zur Welt bekannt ist: Hamburg.
Und so haben wir dann mitten in Paris ein Lokal gefunden, dass mit sehr viel
Ausstrahlung (und damit sind sowohl das Restaurant als auch seine Besitzer
gemeint), ein kleines Stückchen deutsch-französischer
Völkerverständigung betreibt.
Die ganze Familie (also nicht nur die
Wirtin, wo es ja eigentlich klar ist), sondern auch der Wirt und die beiden
netten Töchter, spricht Deutsch (mit diesem
ungemein hübschen Akzent, den wir so lieben) und sind gerne behilflich, die
Speisekarte zu erklären. Diese Speisekarte
ist auch für heutige Verhältnisse in der Metropole etwas besonderes, denn sie
wird nicht gedruckt. Sie wird jeden Tag und immer anders auf eine
Tafel geschrieben. Dem Gast wird die Tafel vor
der Bestellung einfach auf einen Stuhl gestellt, damit er sie bequem studieren
kann. Tatsächlich: hier
wird noch gekocht nach
saisonalem Angebot – fast eine kleine Sensation in Zeiten, in denen
man eigentlich alle Obst- und Gemüsesorten und alle Arten von Fisch das ganze
Jahr hindurch bekommt – mal aus irgendeinem Ende der Welt, mal aus der
Tiefkühltruhe. Bei Antoine gibt es nur das, was gerade
frisch aus heimatlichen Gefilden auf dem Markt angeboten wird. Es
handelt sich um bodenständige Bistroküche, wie wir sie auch in vielen
französischen Familien finden. Wer Haute Cuisine sucht, ist hier falsch. Ein
kleiner Hauch Schiffskombüse macht das Angebot zu etwas Besonderem. Ein Punkt
auf der Karte wird regelmäßig angeboten und ist in Paris unbekannt – deshalb
(aber nicht nur!) ist das Restaurant in diesem Quartier auch so beliebt:
Rote Grütze mit einem Klacks geschlagener
Sahne. Und die ist wirklich lecker. Genauso machte sie meine Großmutter:
massenhaft rote Gartenfrüchte, zusammengehalten durch ein wenig eingedickten
eigenen Saft. Wenn man daran denkt, wie gekaufte Rote Grütze in Deutschland
heute aussieht: viel gelierte Flüssigkeit, in der einige Früchte rumschwimmen,
dann ist dieses Dessert mitten im 16. Arrondissement in Paris schon eine echte
Delikatesse!
Noch ein paar nette Dinge, die es bei unserem Besuch gab:
Vorspeisen:
Oeuf cocotte à la Crème de champignons - geschmortes Ei in Champignoncrème (superlecker!)
Tarte au Chèvre frais aux Épinards - Eine Art Mürbeteigboden mit frischem Ziegenkäse und Spinat (oh war das gut!)
Hauptspeisen:
Onglet de Veau aux Échalotes - Kalbfleisch mit Schalotten (zart!)
Confit de Canard - eingelegte Ententeile (französische
Spezialität!)
Weil wir hier bei Parisweb aus den erwähnten Gründen keine deutsch übersetzte
Karte veröffentlichen können – brauchen wir ja auch nicht, denn die Familie
übersetzt gerne jedem Gast aus Deutschland das Angebot – und weil Antoine und
ich uns auf Anhieb verstanden (Kunststück: seine Frau kommt aus der Stadt mit
dem Tor zur Welt – ich aus der Stadt mit dem Schlüssel dazu!), hat Antoine schon
am ersten Abend gleich dieses Versprechen gegeben:
Wer in das Restaurant Chez Antoine kommt und dem Wirt
herzliche Grüße von Monsieur Bernard aus Bremen ausrichtet, der wird mit einem
Apéritif auf Kosten des Hauses begrüßt.
Noch ein Wort zu den Getränken: eine kleine gepflegte Auswahl. Der Hauswein ist
preisgünstig und gut.
Der Rückweg mit der Metro in Richtung
Innenstadt sollte noch erklärt werden. Die Metrostation Eglise d’Auteuil wird
nur in Richtung Boulogne bedient. Man muss also zunächst in diese Richtung
fahren bis zur Station Boulogne/Jean Jaurès
und dort dann in die Gegenrichtung auf dem
gleichen Bahnsteig umsteigen. Da die Metros aufeinander abgestimmt sind, geht
das sehr schnell. Man kann sich diese Prozedur aber auch ersparen, in dem man
die Avenue de Versailles einfach bis zur Station
Mirabeau runtergeht (aus dem Chez Antoine raus gleich rechts die
Straße runter). An dieser Station wird die Richtung Stadtzentrum von der Metro
10 Richtung Austerlitz direkt bedient.
Zum Schluss nach mal alle Fakten:
Restaurant Chez Antoine
97, avenue de Versailles
75016 Paris
M°: Église d’Auteuil oder Mirabeau
Tel. : 0033 (0) 1 45 27 15 74
Öffnungszeiten: von Montag bis Freitag am Mittag und am Abend.
Am
Wochenende, also Samstag und Sonntag, ist das Lokal geschlossen.
WICHTIG!!! Das Restaurant ist kein Lokal, dass sich gezielt auf Touristen
stürzt, sondern eines der ganz wenigen echten Nachbarschaftsrestaurants in
Paris. Das erkennt man an der gemütlichen Einrichtung, der sehr guten
bodenständigen Küche und auch an den für Touristen etwas ungewöhnlichen
Öffnungszeiten der Küche, denn das sind die typischen Essenzeiten der Franzosen:
Die Küche ist
geöffnet von 12:00 bis 14:45 Uhr und von 20:00 bis 21:45 Uhr. Man sollte also
innerhalb dieser Zeit eingetroffen sein! Essen darf man natürlich auch nach
dieser Zeit noch! Es geht nur um die Abgabe der Bestellung.
Preise: 3-Gang-Menü: 23 €, nur Vor- oder Nachspeise und ein Hauptgang (Formule):
19 €. (Stand: 2008)
